Meisterkurse und Konzerte

22. Juni - 2. Juli 2017

Presse

„Learn from the best“
Achte Internationale Sommerakademie fröhlich und gelassen eröffnet

Von Barbara Kaiser

Es begann stürmisch. Die Gewitterfront des Vortages hatte die Anreise der 36 Teilnehmer der achten Internationalen Sommerakademie gehörig durcheinandergewirbelt. Aber auch Dank des Hauptsponsors, der Metronom Eisenbahngesellschaft, dessen Geschäftsführer Torsten Frahm sich die Eröffnung nicht entgehen ließ, waren letztlich (fast) alle zur Stelle. Bekannte Gesichter wieder, wie zum Beispiel der 18-jährige Parvin Hejazi aus Bremen, der auch sehr erfolgreich Orgel spielt und zahlreiche „Jugend-musiziert-Wettbewerbe“ gewann, oder die kleine 13-jährige Minh aus Vietnam.

Uelzens Bürgermeister Jürgen Markwardt begrüßte die Teilnehmer und versicherte ihnen, eine gute Chance ergriffen zu haben, weil: „to learn from the best, you`ll learn the best!“ Er entbot den jungen Menschen aus aller Welt ein herzliches Willkommen und gestand, dass es ihn glücklich machen würde, wenn sie bei Heimkehr in ihren Ländern erzählten, dass die Deutschen nette Leute seien.

Die Studenten der Meisterklassen werden diesen Eindruck auf jeden Fall mit nach Hause nehmen, denn dieses Familiäre, die Freundlichkeit, der kameradschaftlich lockere Umgang miteinander – das machte die Atmosphäre in Oldenstadt wieder von Beginn an aus. Ehe die ernsthafte Arbeit begann, gab es noch viel zu lachen, als alle die gelben Metronom-Sonnenbrillen auf der Nase hatten fürs Gruppenbild.

Ab heute Nachmittag wird es dann ernst, obwohl am Abend zunächst die Dozenten dran sind mit dem „Vorspiel“. Es werde „curious“, versprach Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter der Sommerakademie, in seinen Begrüßungsworten. Was als „merkwürdig“, „wunderlich“, „sonderbar“, „eigentümlich“ oder auch „neugierig“ übersetzt werden kann. Aber das macht die Sommerakademie eben aus: Sie ist etwas ganz Besonderes!

In den kommenden zehn Tagen werden sich 36 hochqualifizierte junge Pianisten, Violinisten und Cellisten im Historischen Zentrum Oldenstadt, im Schloss Holdenstedt und im Kloster Medingen ein Stelldichein geben mit dem Ziel, mit einer reichen Erfahrung nach Hause zurückzukehren: Der Erfahrung des Lernens und Musizierens in der Gemeinschaft unter renommierter Anleitung. Dass wir Zuhörer genauso Mehrwert daraus erlangen werden, ist unbestrittene Tatsache!

23. Juni 2017

SoAk Eröffnung Gruppenbild

 

Gefeierte Lehrer
Sommerakademie begann Konzerte mit Dozenten-Auftritt

Von Barbara Kaiser

„Jeder Lehrer muss lernen, mit dem Lehren aufzuhören, wenn es Zeit ist. Das ist eine schwere Kunst.“ Der das sagte, war Bertolt Brecht, und so einen richtig dominierenden Lehrer hat der wohl gar nicht gehabt. Wer jedoch einen Lehrer und seinen Schüler erleben wollte, der war beim Auftaktkonzert der Sommerakademie richtig. Das gehörte wie meist den Dozenten.

Am Flügel saßen Bernd Goetzke und Hinrich Alpers. Und nirgendwo war besser zu besichtigen, dass der Lehrer seinen Schüler losgelassen hatte und darauf vertraute, dass er sich inzwischen selbst emanzipiert hat; erfolgreicher Solist und auch Lehrender ist. Das Duo spielte von Claude Debussy „Six Épigraphes antique“, das Stück zu vier Händen aus dem Jahr 1914, das durch kultische antike Inschriften den Weg weist. Voller Rätsel und Andeutungen.

Die zarten Klänge zwischen Heiterkeit und Resignation rufen den Pan an oder spielen mit orientalischen Melismen (Tonfolgen), sie singen einem „namenlosen Grab“ und verbreiten Hoffnung (worauf?) unter dem Titel „Auf dass die Nacht günstig sei“. Als die Spieler nach dem Willen des Komponisten am Ende dem Morgenregen danken, denkt der Zuhörer an Storms Märchen von der Regentrude: Es perlt und gluckst und fließt und erfrischt! Und sogar die Totenglocke davor erschien so plötzlich um vieles freundlicher…. Für diese kollektive Leistung im Duett gab es einhelligen Beifall!

Den Abend eröffnet hatte Henning Vauth, dem bei der Sommerakademie die Aufgabe des Klavierparts in den Kammermusikstunden zufällt. Für seinen Dozentenauftritt wählte er von Frédéric Chopin die Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47. Die Musik, für die eine „Undine“ von Mickiewicz die Anregung gab, erzählt zunächst sanft, ehe sie sich zu Glanz steigert. Rauschende Sechzehntel imaginieren das Wasser – überhaupt ging es an diesem Abend sehr wässrig, nie jedoch verwässert (!) zu. Vauth interpretierte die Noten des polnischen Virtuosen zwischen Pathos und Träumerei, mit zartem Schmelz oder energischem Zugriff, im Diskant vielleicht manchmal ein bisschen schrill.

Danach hatte Hinrich Alpers sein Solo, mit dem er einen Teil seines Winter-Konzert-Reihe-Erfolgs wiederholte: Maurice Ravel und dessen „Gaspard de la Nuit“. Ebenfalls nur repetieren lässt sich, was im vergangenen November darüber geschrieben stand: „Nach drei Gedichten von Émile Bertrand komponierte Ravel die Teile „Ondine“, „Le Gibet“ und „Scarbo“.  Er hatte den Ehrgeiz, sich mit diesem Stück „dem Dämon Technik“ zu überlassen, es sollte das komplizierteste Solo für Klavier werden. Ein  Gipfel von Klaviermusik also, eins der am schwierigsten zu lernenden Stücke überhaupt.

Hinrich Alpers ergab sich der Technik keineswegs – er beherrschte sie. Nebenbei: Ich habe diesen Ravel einmal bei den „Jungen Pianisten“ in Medingen als klassischen Donner erlebt und beinahe hätte ich es nun nicht wiedererkannt! Die Wassernixe war keine traurige Rusalka. Mit Alpers glitt sie durch ihr Element, wir sehen tanzende Lichtreflexe blitzen, es perlt und rieselt und strömt – ins Licht, ins Licht! Bis sie entschwindet. Am Galgen danach hört man das Totenglöcklein, der leise schaukelnde Strang wartet auf den Delinquenten – kommt er da nicht gerade? Nein, nur das leise Glöckchen… Dann bricht der Kobold in den Saal. Er scheint ein Zwerg, hinterhältig, drohend, bösartig. Hinrich Alpers ist in all dem technischen Wust noch zu einer gewissen Verschmitzheit fähig. Nirgendwo Donner, nur beeindruckende Courage. Von Wahrhaftigkeit und großer Gestaltungskraft.“

Zum Abschluss dieses insgesamt beeindruckenden Konzerts stellte sich Siyan Guo, der chinesische Geiger, vor. Gemeinsam mit Alpers am Flügel legte er sich Debussys Sonate für Violine und Klavier auf das Pult. Das Publikum erlebte ein Zusammenspiel auf den Punkt und eine Violine, die die zärtlichsten hohen Piano-Töne zu produzieren wusste, schwungvolle Bögen strich, ohne die Spannung abreißen zu lassen, seelenvoll rumorte, vorm allzu großen Schwelgen jedoch stets einzuhalten wusste. Eine Sonate, die zwar „auf Verzauberung verzichtet“, wie es Pierre Boulez sagte, jedoch „von einem Reichtum der Inspiration ohnegleichen ist.“

So sahen das die Zuhörer offenbar auch und waren hingerissen. Von diesem verheißungsvollen, vielversprechenden Abend der Dozenten insgesamt ebenfalls. Denn wie hatte es Bürgermeister Markwardt festgestellt: „Von den Besten lernen heißt, Bestes zu lernen“! Seien wir also auf die Schüler gespannt.

24. Juni 2017

SoAk Dozentenkonzert

 

Für den am meisten angemessenen Ton
Stiller Beobachter bei zwei Unterrichtsstunden der Internationalen Sommerakademie

Von Barbara Kaiser

Minh ist erst zwölf. Sie kommt aus Hanoi/Vietnam. Ihr Vater sagt, sie sei sehr schüchtern und fügt lachend hinzu, sie sei wohl auch ein bisschen klein. Das Mädchen schweigt. Sie war vor zwei Jahren schon einmal bei der Sommerakademie dabei und über ihren Beitrag zum Abschlusskonzert stand damals Folgendes zu lesen: „Auf die erste Solistin des Abends musste man zwei Mal schauen. Minh Trau Tran kommt aus Vietnam und ist erst zehn Jahre alt. Den Bonus des Klavier spielenden Kindes hatte sie damit natürlich. Aber wie sie den ersten Satz (Allegro) des Mozart-Klavierkonzerts Nr. 12 A-Dur KV 414 anging und durchhielt, nötigte schon Respekt ab.

Die Konzerte 11,12 und 13  bilden den Beginn der berühmten Reihe von 17 Wiener Konzerten, mit denen sich der Komponist als Solist und Komponist in der Musikstadt vorstellte. Er war Mitte 20 und sagte über seine Musik: `Die Conzerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht – sind sehr brillant – angenehm in die Ohren – natürlich ohne in das Leere zu fallen.` Natürlich! Auch bei der jungen Solistin fiel nichts `ins Leere`, vielleicht reichten an der einen oder anderen Stelle für die Läufe die kleinen Hände nicht ganz aus, aber sie spielte unbekümmert und effektvoll.

Jetzt ist Minh zwölf, und wenn sie am Flügel sitzt, dann spielt sie so, dass der Zuhörer den Atem anhält. Ihr Lehrer Hinrich Alpers ist offensichtlich auch erst einmal ohne Worte, denn ihm fallen  ausschließlich freundliche Sätze ein wie „Much better than yesterday“ oder „Really, much better!“. „We are impressed! Very good! It`s a very easy job for me!“

Es erscheint keineswegs übertrieben, dass Alpers seine Schülerin, die er bereits in Vietnam  unterrichtete, als er dort auf Konzertreise war, so sehr lobt. Vielleicht will er sie auch einmal lächeln sehen, denn Minh bleibt ernst. Sie bot – hochkonzentriert – aus Bachs Französischer Suite Nr. 6 Gavotte und Gigue, perlte das Allegro der Haydn-Sonate Nr. 50 C-Dur über alle 88 Tasten und absolvierte die Etüde Nr. 5 Ges-Dur op. 10 von Frédéric Chopin mit liebenswürdiger Eleganz in den Kaskaden. In des Komponisten Polonaise gis-moll trifft sie die Schwermut und den prickelnden Rhythmus gleichermaßen. Am Ende noch Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 11 a-moll, diese träumerischen Zymbal-Imitationen, die energischen Akzente bis hin zum lebhaften, kurzen Csárdás-Finale.

Die Fingerarbeit sei gut, lobt der Lehrer. „An dieser Stelle die Melodik vielleicht ein wenig kraftvoller…“ Aber auch Hinrich Alpers sagt danach im Gespräch, was der Zuhörer erahnt, dass das Mädchen ein großes Talent sei und er mit zwölf niemals so gespielt habe. Minh hört es nicht mehr, denn sie hat den Raum schon verlassen. Man hätte ihr gerne übers Haar gestrichen. Aber vielleicht wollte sie das gar nicht, denn sie ist eine harte, fleißige Arbeiterin. Leider wird sie beim Abschlusskonzert nicht zu hören sein, weil sie da schon wieder an einem Wettbewerb in Spanien teilnimmt…

Danach wird es im Langhaus lebhafter. Die drei Musiker, die sich jetzt an die Instrumente setzen, kommunizieren und lachen auch zusammen: Andrej Bielow an der Geige ist der Lehrer. Am Flügel agiert Wanting Qiu aus China. Das Violoncello streicht Alice Grote aus Wrestedt. Auf dem Notenpult Felix Mendelssohn-Bartholdys Klaviertrio c-moll op. 66. Das Allegro energico e con fuoco  mit seinem drängenden Moll-Motiv steht auf dem Programm. Das Klavier breitet es in Oktaven zu Beginn aus. Der melancholisch-grüblerische Charakter kontrastiert aufs wirkungsvollste mit dem melodisch aufblühenden Seitenthema der Streicher in Dur. – „Können wir am Anfang noch ein bisschen mehr mysteriöse Stimmung schaffen“, bittet Bielow. Er fordert mehr Lautstärke fürs Cello und das Klavier solle „ganz leicht denken“, aber trotzdem nicht nur Begleitung sein.

Dann gibt es da ein Crescendo in nur einem Takt…. Hier ein Ritardando! „Nicht so laut! Eher wie – ein Sonnenaufgang.“ Das ist typisch russisch-blumig ausgedrückt, aber Wanting Qiu und Alice Grote verstehen Bielow. Auch als er fordert, man solle sich Zeit nehmen für das Piano, um die Dynamik in den Saal zu bringen.

Auf jeden Fall wird dieses Klavier-Trio am ersten Kammermusik-Konzertabend am Montag, 26. Juni, erklingen. Ob die drei Solisten bis dahin die Diskrepanz zwischen sich ausgeräumt haben werden, wird sich erweisen. „Wenn man Kammermusik macht“, sagt Hinrich Alpers dazu, „muss man sich erst gewöhnen. Das ist was ganz anderes.“ Es ist auf keinen Fall ein Solo-Kaprizieren, sondern das Ringen um den angemessenen, kollektiven Ton, um dieses „sich vernünftig unterhalten“, wie es der Dichter Goethe erfuhr und wohl auch schätzte.

25. Juni 2017

SoAk Unterricht Minh mit Alpers5

SoAk Unterricht Klaviertrio1

Ohne Attitüde
Kammermusik-Gala die erste

Von Barbara Kaiser

Die Crux des gemeinsamen Musizierens ist ja, dass gute Solisten nicht zwingend eine gute Ensembleleistung abliefern. Das ist bei Chören so, bei Orchestern und in der kleinen Formation der Kammermusik erst recht. Bei allem Anspruch auf Individualität – hier fällt es am meisten auf, wenn sich einer auf Kosten der anderen zu profilieren versucht.

Soweit die Theorie. Bei Konzerten der Internationalen Sommerakademie allerdings darf man nach langjährigen, guten Erfahrungen davon ausgehen, dass solch ein Kaprizieren nicht stattfindet. Erster Beweis des Jahrgangs 2017: Die erste Kammermusik-Gala. Aus den genannten Gründen sind die Kollektivwilligen unter den 36 Teilnehmern offenbar recht rar gesät, denn die Dozenten mussten über weite Strecken selber mittun. So saßen Hinrich Alpers (Klavier), Andrej Bielow, Siyan Guo (Violinen) und Woijciech Garbowski (Viola) selber auf dem Podium. Für Klavier und Violoncello fanden sich allerdings Mutige: Jennifer Halim und Wanting Qiu; Alma Tedde, Sofia von Freydorf und Alice Gräfin Grote.

Auf dem Programm Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Gabriel Fauré, ein schöner Querschnitt durch die Musikgeschichte. Als Auftakt erklang das Klavierquartett Es-Dur KV 493. Das lichte Schwesterwerk zum Quartett g-moll (KV 478) entstand wenige Wochen nach der Fertigstellung von „Figaros Hochzeit“ und nimmt deren Heiterkeit mit. Im Allegro, das ein Sonatensatz ist, im singenden Dreiachteltakt des Larghetto und im spielerisch unterhaltenden Allegretto.

Jennifer Halim saß für den ersten Satz am Flügel, Alma Tedde am Violoncello blieb für alle drei Sätze; dazu Alpers, Bielow und Garbowski. Es war ein ausgelassenes Miteinander im typischen Mozart-Sound, das Cello zu Beginn vielleicht ein wenig unterbelichtet. Insgesamt aber war die Partitur klar und elegant umgesetzt, das Spiel schnörkellos, ohne Attitüde. Ein stimmungsvoller Auftakt.

Zum Zweiten: Das Klaviertrio c-moll op. 66 von Mendelssohn-Bartholdy. Andrej Bielow hatte die Hoheit an seiner Geige über alle vier Sätze. In den ersten beiden saß Wanting Qiu am Flügel, Alice Gräfin Grote am Cello. Für Satz drei und vier spielten Hinrich Alpers und Sofia von Freydorf. Den ersten Satz, das Allegro energico e con fuoco hatte ich zwei Tage zuvor im Unterricht gehört. Qiu, Grote und Bielow zogen bis zur Aufführung das Tempo  noch einmal an – hielten es aber ohne Tadel durch. Aufgeweckt und stürmisch, sich gegenseitig befeuernd (con fuoco!), aber genauso zart und sorgsam miteinander umgehend, war diese Interpretation akribische Detailarbeit. Das Andante espressivo des zweiten Satzes pure Schönheit. Das Hauptthema wurde vom Komponisten kontrapunktisch behandelt, was die Wirkung potenziert. Nach dem leidenschaftlichen ersten Satz war der zweite Befreiung, in dem sich die einzelnen Instrumente deklamatorisch abwechselten. Die Solisten brachten die Noten unverzagt zum Leuchten.

Ein Atemholen vor Satz drei und vier! Die machten den Abend zu einem tosenden. Voller rhythmischer Gewalt (Scherzo), Eindringlichkeit und Sprengkraft. Das Trio lässt die kompositorische Ausführlichkeit – Mendelssohn stellt im Finale Wechselbeziehungen her zu unter anderem Bach, Brahms und Bruckner – mit Maß und Balance brillieren. Nirgendwo gibt es Tempomissverständnisse unter den Spielern, sie sind in funkensprühender Hochform. Dafür gibt es tosenden Beifall.

Nach der Pause wurde es weniger emotional: Klavierquintett d-moll op. 89 von Gabriel Fauré aus dem Jahr 1906. Der 21-jährigen Cellistin Alma Tedde (Italien/Schweiz) fiel die Aufgabe zu, gleich mit vier Dozenten zu musizieren: Den Geigern Bielow und Guo, dem Bratschisten Garbowski und Alpers am Klavier. Wenn sie aufgeregt war, sah man ihr das nicht an.

Fauré selbst hatte befürchtet, dass sein Werk wenig zugänglich sei. Die polyphone Gestaltung der drei Sätze lässt Effekthascherei nicht zu, was die fünf Instrumentalisten auch gar nicht erst versuchten. Sie bewahrten den Noten das Leichte und vermieden auch in der Lautstärke jegliche Zudringlichkeit. Das sehr lange Adagio des zweiten Satzes bewies, wie vier Streicher auf den Punkt piano zu spielen in der Lage sein und das Forte umso mehr strahlen lassen können. Wunderbar! Mit der nötigen Nüchternheit, dabei jedoch geschmeidig atmeten die Spieler mit dieser Musik und vertrauten sich ihr an. Weil gegen den Strom schwimmen sowieso nicht gegangen wäre.

Langer Beifall nach zwei Stunden für alle. Die Kammermusik-Gala Nr. 2 gibt es schon morgen.

27. Juni 2017

SoAk Kammermusik I TrioSoAk Kammermusik I QuintettSoAk Kammermusik I Blumen für alle

Aus einem Guss
Kammermusik-Gala die zweite

Von Barbara Kaiser

Was für ein Parcours! Drei Mal vier Sätze! Beethoven, Mendelssohn, Dvorák! Und was für Musiker! Auch wenn sich wieder zu wenige Studenten fanden für die Instrumentenparts – was man bedauern kann -, aber die jungen Leute werden auch im Studieren vieles für sich mitgenommen haben. Kammermusik-Gala die zweite, der Zuhörer fühlte sich im Bann dieser brillant musizierten Werke.

Unter denen, die sich aufs Podium trauten, war auch Peter Wang, der 18-jährige kanadische Pianist. Er spielte mit Siyan Guo (Geige) und Troels Svane (Violoncello) den ersten Satz des Klaviertrios Es-Dur op. 72,2 von Ludwig van Beethoven. Ein energisch fordernder junger Mann, der von ruppiger Kraft war, genauso jedoch die singenden Läufe darbot.

Der Rezensent nach der Uraufführung 1809, E.T.A. Hoffmann, erkannte Mozart-Anklänge. Da es aber Beethoven ist, vertändelte sich Wang nicht unnütz in seinem Spiel. Schön gerahmt von der Violine und dem Cello. – Für Satz zwei, drei und vier musste wieder Hinrich Alpers  einspringen in Ermangelung anderer mutiger Pianisten. Und so wurden „das Lieblichste und Graziöseste“ (E.T.A. Hoffmann) des dritten Satzes und das „Treiben und Drängen“, das „Spiel der aufregendsten Phantasien“ von Satz vier nicht zu Zuckersüßem, sondern erklangen in lockerem Drive. Delikat ausgemalt, hier und da mit einem Augenzwinkern, wenn die Motive reizvoll umeinander geisterten.

Für den zweiten Programmpunkt, das Klavierquartett h-moll op. 3 von Felix Mendelssohn-Bartholdy fand sich gleich gar kein Student, sodass Hinrich Alpers am Klavier saß, Guo Siyan die Geige, Wojciech Garbowski die Viola und Sabine Frick das Violoncello strichen. Ein reines Dozentenkonzert also – aber was für eins!

Die vier Instrumentalisten lieferten die Spannung zum romantischen Sound und rissen den Zuhörer hinein in eine Leidenschaft der Beteiligung. Das Quartett lebte von der Balance zwischen opulentem Klang und sorgsam ausgehörtem Detail. Das Publikum, das übrigens wieder zahlreich kam, erlebte pure Musizierlust und Tonschönheit.

Wenn man sich dazu vergegenwärtigte, dass der Komponist diese Partitur im zarten Alter von 15 Jahren (1825) schrieb, konnte man nur perplex sein. Er widmete sie übrigens Johann Wolfgang Goethe, der sich nach der Aufführung hingerissen gab. Wahrscheinlich hat der Alte nach dem wunderbaren Andante seine inflationär gebrauchten Worte geprägt, dass sich in einem Quartett vier Leute vernünftig unterhalten. Beim Scherzo des Satz drei, so schrieb er später an Freund Zelter, habe er sich „Hexentänze auf dem Blocksberg“ vorgestellt, um wenigstens etwas zu imaginieren. Was beweist, dass er so viel Verständnis für Musik nicht aufgebracht haben kann!

Wunderbare Streicher und der Pianist musizierten mit dem Gefühl für den Schwung dieser Noten und einem langen Atem und Sinn für die Proportionen. Nirgendwo hatte man das unbehagliche Gefühl von Glätte oder Unverbindlichkeit. Dafür gab es jubelnden Applaus!

Nach der Pause wurde noch einmal aufgestockt: Das Klavierquintett A-Dur op. 81 von Antonin Dvořak war mit seinen knapp 45 Minuten Dauer wohl auch das längste Stück Musik des Abends. Siyan Guo, der das größte Standvermögen brauchte, und Wojciech Garbowski hielten an Geige und Bratsche durch, dazu kam in Satz eins die Pianistin Leah Kang (USA), abgelöst in den Sätzen zwei bis vier von Jerome Loewenthal, dem von allen verehrte Lehrer aus New York. Für alle vier Sätze standen Sofia von Freydorf (Violoncello/Dresden) und Melanie Ickert (Violine/Wiesbaden) bereit.

Das Quintett aus dem Jahre 1888 ist das wahrscheinlich am meisten gespielte des Komponisten. Es ist überreich an melodischen Erfindungen und üppigem Klang und verarbeitet Volkstümlichkeit mit spätromantischem Pathos. Im ersten Satz erblüht ein Cellothema, das sich mit einem fast sinfonischen Tutti abwechselt. Das Seitenthema der Bratsche ist wunderschön und wird in monumentale Ausmaße gesteigert. Fröhlich die Dumka in Satz zwei, ein ukrainischer Volkstanz, der zwischen langsam und schnell switcht, und der Furiant als Scherzo. Das Finale des vierten Satzes zeigt, wie Polka auch fugato funktioniert.

Das Erlebnis des Abends war trotzdem nicht Schwelgen in Schönklang, sondern das Erstaunen (oder Erschrecken) über Klanggewalt. Da bildete intelligenter musikalischer Zauber mit bewundernswerter Sinnlichkeit eine Melange. Man muss hier nicht beckmessern wollen, wenn fünf ausgewählte Musiker spielen. Die Darbietung war aus einem Guss. Das Cello zum Niederknien, das Klavier in beseeltem Tone. Alle zusammen fern jeglicher Willkür und mit einer erkennbaren musikalischen Leitidee. Nach fast drei Stunden war der Applaus noch einmal gewaltig. Chapeau! Den Hut gezogen vor allen, den Studenten und ihren Dozenten, die schönste Gemeinsamkeit präsentierten.

29. Juni 2017SoAk Kammermusik II Dank mit Blumen SoAk Kammermusik II Jerome Loewenthal

Abschiedsnoten
Sommerakademie bog mit erstem Abschlusskonzert auf die Zielgerade ein

Von Barbara Kaiser

Der hellste Stern dieses Konzertabendhimmels war Sofia von Freydorf! Wie die 22-jährige aus Dresden das Allegro aus der Cellosonate op. 40 von Dmitrij Schostakowitsch darbot (kongenial am Flügel Henning Vauth als Begleiter), das musste einen hinreißen.

Der Komponist hatte sich dafür den Vorwurf der „Zügellosigkeit“ statt „menschlicher Musik“ (was immer man darunter verstand) gefallen lassen müssen. Dass Politbürokraten und  Kampfliedmarschierer diese wunderbaren Noten nicht verstanden, ist auch heute nur ein fassungsloses Kopfschütteln wert. Im orientalischen Kolorit eines Aram Chatschaturjan fegt diese Musik, der kein (politisches) Programm zugrunde liegt, wild-grotesk und karikierend in die Ohren. Ein herrlicher Kontrapunkt zur Haydn-Harmonie, mit der das Programm eröffnete, und eine Interpretin, die staunen machten konnte.

Die Sommerakademie bog mit dem ersten Abschlusskonzert, das traditionell im Kloster Medingen stattfindet, auf die Zielgerade. Insgesamt spielten sich 14 junge Musikerinnen und Musiker in die Herzen des Publikums. Dafür, dass das Spiel von Anfang bis zum Schluss fesselte, sorgten Gespür, Präzision und Vitalität, womit die wieder erfreulichen Leistungen auf hohem und höchstem musikalischen Niveau vorgeführt wurden.

Großen Zuspruch darf finden, dass die jungen Leute sich nicht nur auf das übliche klassische Repertoire beschränkten, sondern sich auch mutig Partituren aufs Pult legten, die eher wenig Renommierfaktor besitzen. Da spielte die erst 17-jährige Chinesin Chong Wang „Le Gibet“ (Der Galgen) aus Maurice Ravels „Gaspard de la Nuit“, und der Zuhörer denkt: Laut und schnell kann jeder, aber hier die Spannung und das Totenglöckchen der Musik am zarten Bimbam zu halten, das kann nicht jeder! Es war übrigens Ravel, der sagte, dass die größte Macht das Pianissimo sei – Chong Wang kann als der Beweis dafür gelten.

Oder Aurelius Braun. Der 22-Jährige aus Berlin interpretierte aus Claude Debussys „Préludes I“ das „Des pas sur la neige“ – Fußstapfen im Schnee. Eine todtraurige Winterlandschaft, die an Schubert gemahnt. Was für eine betörende atmosphärische Tristesse in diesem Spiel. Chie Nakawaga aus Japan blieb danach bei diesem Komponisten und perlte mit „Cloches à travers les feuilles“ aus „Images II“ die „durch das Laub klingenden Glocken“ über die Tasten. In atemleichter Zartheit, kostbarer Fragilität und souveränem Schmelz.

Davor hatte Lara Sauermann (21) ihren Auftritt. Sergej Prokofjews fünf „Sarkasmen“ op. 17 sollte man eigentlich nicht zerreißen, weil sie Stellungnahmen des Komponisten sind. Aber auch mit der Nr. 1+2 wurde durch die Pianistin klar, dass der Russe hier Zweifel, Aufruhr und Protest schrie. Die kräftigen, dissonanten Töne blieben dennoch eine ohrenfreundliche Angelegenheit, obwohl sie sich der „Reflexion der dunklen Kräfte des Lebens“ (so zeitgenössische Kritiker) widmeten.

Dass der Abend gelang, dafür sorgte – auch traditionell – das Kammerorchester „Wratislawia“ aus Wrocław (Polen) unter der Leitung von Jan Stanienda. Der Klangkörper spielte forsch wie gewohnt, aber scheinbar mit klarerem, geklärtem Sound und zudem sichtbar verjüngt. Die polnischen Gäste agierten im beschwingten Concertare, dem sich die Solisten kooperierend einordneten oder es auch beeinflussten. So wie ein anderer besonderer Leuchtpunkt des Konzertes: Der Südkoreaner Yung Hoon Chun durfte den Abend beschließen mit dem Rondo Allegro aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-moll op. 37. Mit bezauberndem kultivierten Anschlag ließ er sich nie zum Donnern verleiten und zähmte auch ein zu großes Forte im Orchester. So entstand in beschwingter Übereinstimmung Musik angespannter Energie und freundlicher Zuversicht.

Am Ende gab es den verdienten Applaus und glückliche Gesichter. Zufrieden offenbar auch Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter der Sommerakademie, der entspannt zurückgelehnt im Publikum sitzen durfte, nachdem er Altäbtissin Monika von Kleist ein weiteres Mal für die Gastfreundschaft in den ehrwürdigen Gemäuern gedankt hatte. Denn genießen konnte man dieses Konzert, das durch die verschiedenen Auftritte farbigstes, temperamentvoll voranreißendes Leben gewann.

1. Juli 2017

SoAK Abschluss I Sofia von Freydorf SoAk Abschluss I Orchester mit Jun-Ho YeoSoAk Abschluss I Alle Spieler

Musikalisch hochbekömmlich
Sommerakademie schließt ihre Tore bis zum nächsten Jahr

Von Barbara Kaiser

Der letzte Programmpunkt des Abend, das Klavierkonzert A-Dur KV 488, war so recht eine Zusammenfassung für die vergangenen zehn Tage: Hochprofessionelles Musizieren, im gegenseitigen Vertrauen, das Verlässlichkeit spüren lässt und von Zuversicht grundiert ist. Damit hatten 36 Musikerinnen und Musiker bei der achten internationalen Sommerakademie der Lüneburger Heide auch dem wieder zahlreich strömenden Publikum große Freude bereitet.

Und wenn der Vorsitzende des Vereins Sommerakademie, Dr. Theodor Elster, im Namen der Zuhörer dankte und dabei poetisch wurde, passte das sehr gut: Diese Meisterklassen seien inzwischen wie ein Rosenstock, der sich in sieben Jahren verwurzeln konnte in der Region und von Jahr zu Jahr mehr Blüten treibe, sagte er. In diesem Jahr war eine dieser Blüten der Schwerpunkt Kammermusik, der frappierende wie hinreißende Konzertabende bescherte.

Die achte Ausgabe der Sommerakademie ist also Geschichte. Sie endete mit ausführlichen Dankesreden an alle Sponsoren und Helfer. Das „Ergebnis von zehn Tagen harter Arbeit“ (Alpers) präsentierten noch einmal elf Teilnehmer, die sich Noten vorgenommen hatten, die die Klassik ebenso würdigten wie die Moderne.

Zum Auftakt erklang Joseph Haydn und dessen Violoncellokonzert D-Dur. Das (lange) Allegro moderato  wusste Alma Tedde unangestrengt und mit größtmöglicher Lässigkeit zu spielen. Alice Gräfin Grote übernahm das kurze Adagio und schaffte einen schönen Zwiegesang mit dem Orchester.

Den Reigen der Solopianisten eröffnete Karim Said mit Präludium und Fuge gis-moll BWV 863. Der geborenen Jordanier ist schon ein paar Jahre zu Gast bei der Akademie und erwies sich stets als ein Spieler, der mit der Einstrahlung einer imaginären Kraft von Erfülltsein musiziert. Er ließ sich auch bei Bach nicht verleiten, das Tempo anzuziehen, sondern formulierte die Noten klar und durchsichtig aus.

Genauso Miyako Arishima, die aus der Präludien-Suite von Kazimierz Serocki (1922 bis 1981) vier Stücke vorstellte. Diese Noten aus dem Jahr 1952 enthalten alles, was die Musik der Moderne ausmachte: Motorik und Meditation, Neoklassizismus und Zwölfton, Brillanz und Verinnerlichung. Die Solistin spielte mit bewegender Intensität.

Einen solch auffallend hellen Stern, wie Sofia von Freydorf im ersten Abschlusskonzert einer war, gab es an diesem zweiten Abend nicht. Alle Solisten agierten bar jeder Schwere und Überanstrengung. Sie setzten energische Akzente (Parvis Hejazi mit „Eroica“ von Franz Liszt) oder kamen kunstvoll und schwärmerisch daher (Marcel Mok mit Johannes Brahms` Intermezzo e-moll op. 119,2). Sie suchten in ihrer Interpretation weder Exzentrik noch Erzählung, sondern bewegten sich auf dem Grat zwischen Andeutung und Eindeutigkeit (Leah Kang mit Isaac Albéniz` „Evocación“).

Das Mozart-Konzert bildete wie gesagt den angemessenen, krönenden Abschluss. Séverine Kim aus Südkorea übernahm den ersten Satz, ganz den Noten hingegeben, ohne verklebtes Legato, sondern mit einem Aufblühen. Auch wer die Noten kannte blieb gespannt in Satz zwei – ein ausgereiftes Spiel von Anna Khomichko im Adagio, das der emotionale Mittelpunkt des Konzerts ist. Ein trauriges, zerbrechliches Liebeslied im schönen Concertare mit dem Orchester. Aufgeweckt und keck danach Elisabeth Brauß mit Satz drei, dem optimistischen Rondo.

Musiker dürften nicht stillstehen beim Erfassen eines Werkes, zeigte sich Daniel Barenboim in einem Interview einmal überzeugt. Sie müssten ein Maximum dessen begreifen, was die Komposition intendiere. Von diesem Voranschreiten und Begreifen erfuhr der Zuhörer der diesjährigen Sommerakademie jede Menge. Sie war ein hochbekömmlicher musikalischer Mix, der von den jungen Instrumentalisten auf eine lebendige Art und Weise interpretiert wurde. Im Jahr 2018 gibt es vom 4. bis 14. Juli die Ausgabe Nummer neun – bis zum  Rosenstock am Hildesheimer Dom ist es aber noch ein weiter Weg!

3. Juli 2017

SoAk Abschluss II Alle DozentenSoAk Abschluss II Auftritt Orchester SoAK Abschluss II Übergabe der Zertifikate