Meisterkurse und Konzerte

22. Juni - 2. Juli 2017

Presse

„Learn from the best“
Achte Internationale Sommerakademie fröhlich und gelassen eröffnet

Von Barbara Kaiser

Es begann stürmisch. Die Gewitterfront des Vortages hatte die Anreise der 36 Teilnehmer der achten Internationalen Sommerakademie gehörig durcheinandergewirbelt. Aber auch Dank des Hauptsponsors, der Metronom Eisenbahngesellschaft, dessen Geschäftsführer Torsten Frahm sich die Eröffnung nicht entgehen ließ, waren letztlich (fast) alle zur Stelle. Bekannte Gesichter wieder, wie zum Beispiel der 18-jährige Parvin Hejazi aus Bremen, der auch sehr erfolgreich Orgel spielt und zahlreiche „Jugend-musiziert-Wettbewerbe“ gewann, oder die kleine 13-jährige Minh aus Vietnam.

Uelzens Bürgermeister Jürgen Markwardt begrüßte die Teilnehmer und versicherte ihnen, eine gute Chance ergriffen zu haben, weil: „to learn from the best, you`ll learn the best!“ Er entbot den jungen Menschen aus aller Welt ein herzliches Willkommen und gestand, dass es ihn glücklich machen würde, wenn sie bei Heimkehr in ihren Ländern erzählten, dass die Deutschen nette Leute seien.

Die Studenten der Meisterklassen werden diesen Eindruck auf jeden Fall mit nach Hause nehmen, denn dieses Familiäre, die Freundlichkeit, der kameradschaftlich lockere Umgang miteinander – das machte die Atmosphäre in Oldenstadt wieder von Beginn an aus. Ehe die ernsthafte Arbeit begann, gab es noch viel zu lachen, als alle die gelben Metronom-Sonnenbrillen auf der Nase hatten fürs Gruppenbild.

Ab heute Nachmittag wird es dann ernst, obwohl am Abend zunächst die Dozenten dran sind mit dem „Vorspiel“. Es werde „curious“, versprach Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter der Sommerakademie, in seinen Begrüßungsworten. Was als „merkwürdig“, „wunderlich“, „sonderbar“, „eigentümlich“ oder auch „neugierig“ übersetzt werden kann. Aber das macht die Sommerakademie eben aus: Sie ist etwas ganz Besonderes!

In den kommenden zehn Tagen werden sich 36 hochqualifizierte junge Pianisten, Violinisten und Cellisten im Historischen Zentrum Oldenstadt, im Schloss Holdenstedt und im Kloster Medingen ein Stelldichein geben mit dem Ziel, mit einer reichen Erfahrung nach Hause zurückzukehren: Der Erfahrung des Lernens und Musizierens in der Gemeinschaft unter renommierter Anleitung. Dass wir Zuhörer genauso Mehrwert daraus erlangen werden, ist unbestrittene Tatsache!

23. Juni 2017

SoAk Eröffnung Gruppenbild

 

Gefeierte Lehrer
Sommerakademie begann Konzerte mit Dozenten-Auftritt

Von Barbara Kaiser

„Jeder Lehrer muss lernen, mit dem Lehren aufzuhören, wenn es Zeit ist. Das ist eine schwere Kunst.“ Der das sagte, war Bertolt Brecht, und so einen richtig dominierenden Lehrer hat der wohl gar nicht gehabt. Wer jedoch einen Lehrer und seinen Schüler erleben wollte, der war beim Auftaktkonzert der Sommerakademie richtig. Das gehörte wie meist den Dozenten.

Am Flügel saßen Bernd Goetzke und Hinrich Alpers. Und nirgendwo war besser zu besichtigen, dass der Lehrer seinen Schüler losgelassen hatte und darauf vertraute, dass er sich inzwischen selbst emanzipiert hat; erfolgreicher Solist und auch Lehrender ist. Das Duo spielte von Claude Debussy „Six Épigraphes antique“, das Stück zu vier Händen aus dem Jahr 1914, das durch kultische antike Inschriften den Weg weist. Voller Rätsel und Andeutungen.

Die zarten Klänge zwischen Heiterkeit und Resignation rufen den Pan an oder spielen mit orientalischen Melismen (Tonfolgen), sie singen einem „namenlosen Grab“ und verbreiten Hoffnung (worauf?) unter dem Titel „Auf dass die Nacht günstig sei“. Als die Spieler nach dem Willen des Komponisten am Ende dem Morgenregen danken, denkt der Zuhörer an Storms Märchen von der Regentrude: Es perlt und gluckst und fließt und erfrischt! Und sogar die Totenglocke davor erschien so plötzlich um vieles freundlicher…. Für diese kollektive Leistung im Duett gab es einhelligen Beifall!

Den Abend eröffnet hatte Henning Vauth, dem bei der Sommerakademie die Aufgabe des Klavierparts in den Kammermusikstunden zufällt. Für seinen Dozentenauftritt wählte er von Frédéric Chopin die Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47. Die Musik, für die eine „Undine“ von Mickiewicz die Anregung gab, erzählt zunächst sanft, ehe sie sich zu Glanz steigert. Rauschende Sechzehntel imaginieren das Wasser – überhaupt ging es an diesem Abend sehr wässrig, nie jedoch verwässert (!) zu. Vauth interpretierte die Noten des polnischen Virtuosen zwischen Pathos und Träumerei, mit zartem Schmelz oder energischem Zugriff, im Diskant vielleicht manchmal ein bisschen schrill.

Danach hatte Hinrich Alpers sein Solo, mit dem er einen Teil seines Winter-Konzert-Reihe-Erfolgs wiederholte: Maurice Ravel und dessen „Gaspard de la Nuit“. Ebenfalls nur repetieren lässt sich, was im vergangenen November darüber geschrieben stand: „Nach drei Gedichten von Émile Bertrand komponierte Ravel die Teile „Ondine“, „Le Gibet“ und „Scarbo“.  Er hatte den Ehrgeiz, sich mit diesem Stück „dem Dämon Technik“ zu überlassen, es sollte das komplizierteste Solo für Klavier werden. Ein  Gipfel von Klaviermusik also, eins der am schwierigsten zu lernenden Stücke überhaupt.

Hinrich Alpers ergab sich der Technik keineswegs – er beherrschte sie. Nebenbei: Ich habe diesen Ravel einmal bei den „Jungen Pianisten“ in Medingen als klassischen Donner erlebt und beinahe hätte ich es nun nicht wiedererkannt! Die Wassernixe war keine traurige Rusalka. Mit Alpers glitt sie durch ihr Element, wir sehen tanzende Lichtreflexe blitzen, es perlt und rieselt und strömt – ins Licht, ins Licht! Bis sie entschwindet. Am Galgen danach hört man das Totenglöcklein, der leise schaukelnde Strang wartet auf den Delinquenten – kommt er da nicht gerade? Nein, nur das leise Glöckchen… Dann bricht der Kobold in den Saal. Er scheint ein Zwerg, hinterhältig, drohend, bösartig. Hinrich Alpers ist in all dem technischen Wust noch zu einer gewissen Verschmitzheit fähig. Nirgendwo Donner, nur beeindruckende Courage. Von Wahrhaftigkeit und großer Gestaltungskraft.“

Zum Abschluss dieses insgesamt beeindruckenden Konzerts stellte sich Siyan Guo, der chinesische Geiger, vor. Gemeinsam mit Alpers am Flügel legte er sich Debussys Sonate für Violine und Klavier auf das Pult. Das Publikum erlebte ein Zusammenspiel auf den Punkt und eine Violine, die die zärtlichsten hohen Piano-Töne zu produzieren wusste, schwungvolle Bögen strich, ohne die Spannung abreißen zu lassen, seelenvoll rumorte, vorm allzu großen Schwelgen jedoch stets einzuhalten wusste. Eine Sonate, die zwar „auf Verzauberung verzichtet“, wie es Pierre Boulez sagte, jedoch „von einem Reichtum der Inspiration ohnegleichen ist.“

So sahen das die Zuhörer offenbar auch und waren hingerissen. Von diesem verheißungsvollen, vielversprechenden Abend der Dozenten insgesamt ebenfalls. Denn wie hatte es Bürgermeister Markwardt festgestellt: „Von den Besten lernen heißt, Bestes zu lernen“! Seien wir also auf die Schüler gespannt.

Juni 2017

SoAk Dozentenkonzert

 

Für den am meisten angemessenen Ton
Stiller Beobachter bei zwei Unterrichtsstunden der Internationalen Sommerakademie

Von Barbara Kaiser

Minh ist erst zwölf. Sie kommt aus Hanoi/Vietnam. Ihr Vater sagt, sie sei sehr schüchtern und fügt lachend hinzu, sie sei wohl auch ein bisschen klein. Das Mädchen schweigt. Sie war vor zwei Jahren schon einmal bei der Sommerakademie dabei und über ihren Beitrag zum Abschlusskonzert stand damals Folgendes zu lesen: „Auf die erste Solistin des Abends musste man zwei Mal schauen. Minh Trau Tran kommt aus Vietnam und ist erst zehn Jahre alt. Den Bonus des Klavier spielenden Kindes hatte sie damit natürlich. Aber wie sie den ersten Satz (Allegro) des Mozart-Klavierkonzerts Nr. 12 A-Dur KV 414 anging und durchhielt, nötigte schon Respekt ab.

Die Konzerte 11,12 und 13  bilden den Beginn der berühmten Reihe von 17 Wiener Konzerten, mit denen sich der Komponist als Solist und Komponist in der Musikstadt vorstellte. Er war Mitte 20 und sagte über seine Musik: `Die Conzerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht – sind sehr brillant – angenehm in die Ohren – natürlich ohne in das Leere zu fallen.` Natürlich! Auch bei der jungen Solistin fiel nichts `ins Leere`, vielleicht reichten an der einen oder anderen Stelle für die Läufe die kleinen Hände nicht ganz aus, aber sie spielte unbekümmert und effektvoll.

Jetzt ist Minh zwölf, und wenn sie am Flügel sitzt, dann spielt sie so, dass der Zuhörer den Atem anhält. Ihr Lehrer Hinrich Alpers ist offensichtlich auch erst einmal ohne Worte, denn ihm fallen  ausschließlich freundliche Sätze ein wie „Much better than yesterday“ oder „Really, much better!“. „We are impressed! Very good! It`s a very easy job for me!“

Es erscheint keineswegs übertrieben, dass Alpers seine Schülerin, die er bereits in Vietnam  unterrichtete, als er dort auf Konzertreise war, so sehr lobt. Vielleicht will er sie auch einmal lächeln sehen, denn Minh bleibt ernst. Sie bot – hochkonzentriert – aus Bachs Französischer Suite Nr. 6 Gavotte und Gigue, perlte das Allegro der Haydn-Sonate Nr. 50 C-Dur über alle 88 Tasten und absolvierte die Etüde Nr. 5 Ges-Dur op. 10 von Frédéric Chopin mit liebenswürdiger Eleganz in den Kaskaden. In des Komponisten Polonaise gis-moll trifft sie die Schwermut und den prickelnden Rhythmus gleichermaßen. Am Ende noch Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 11 a-moll, diese träumerischen Zymbal-Imitationen, die energischen Akzente bis hin zum lebhaften, kurzen Csárdás-Finale.

Die Fingerarbeit sei gut, lobt der Lehrer. „An dieser Stelle die Melodik vielleicht ein wenig kraftvoller…“ Aber auch Hinrich Alpers sagt danach im Gespräch, was der Zuhörer erahnt, dass das Mädchen ein großes Talent sei und er mit zwölf niemals so gespielt habe. Minh hört es nicht mehr, denn sie hat den Raum schon verlassen. Man hätte ihr gerne übers Haar gestrichen. Aber vielleicht wollte sie das gar nicht, denn sie ist eine harte, fleißige Arbeiterin. Leider wird sie beim Abschlusskonzert nicht zu hören sein, weil sie da schon wieder an einem Wettbewerb in Spanien teilnimmt…

Danach wird es im Langhaus lebhafter. Die drei Musiker, die sich jetzt an die Instrumente setzen, kommunizieren und lachen auch zusammen: Andrej Bielow an der Geige ist der Lehrer. Am Flügel agiert Wanting Qiu aus China. Das Violoncello streicht Alice Grote aus Wrestedt. Auf dem Notenpult Felix Mendelssohn-Bartholdys Klaviertrio c-moll op. 66. Das Allegro energico e con fuoco  mit seinem drängenden Moll-Motiv steht auf dem Programm. Das Klavier breitet es in Oktaven zu Beginn aus. Der melancholisch-grüblerische Charakter kontrastiert aufs wirkungsvollste mit dem melodisch aufblühenden Seitenthema der Streicher in Dur. – „Können wir am Anfang noch ein bisschen mehr mysteriöse Stimmung schaffen“, bittet Bielow. Er fordert mehr Lautstärke fürs Cello und das Klavier solle „ganz leicht denken“, aber trotzdem nicht nur Begleitung sein.

Dann gibt es da ein Crescendo in nur einem Takt…. Hier ein Ritardando! „Nicht so laut! Eher wie – ein Sonnenaufgang.“ Das ist typisch russisch-blumig ausgedrückt, aber Wanting Qiu und Alice Grote verstehen Bielow. Auch als er fordert, man solle sich Zeit nehmen für das Piano, um die Dynamik in den Saal zu bringen.

Auf jeden Fall wird dieses Klavier-Trio am ersten Kammermusik-Konzertabend am Montag, 26. Juni, erklingen. Ob die drei Solisten bis dahin die Diskrepanz zwischen sich ausgeräumt haben werden, wird sich erweisen. „Wenn man Kammermusik macht“, sagt Hinrich Alpers dazu, „muss man sich erst gewöhnen. Das ist was ganz anderes.“ Es ist auf keinen Fall ein Solo-Kaprizieren, sondern das Ringen um den angemessenen, kollektiven Ton, um dieses „sich vernünftig unterhalten“, wie es der Dichter Goethe erfuhr und wohl auch schätzte.

Juni 2017

SoAk Unterricht Minh mit Alpers5

SoAk Unterricht Klaviertrio1