Meisterkurse und Konzerte

22. Juni - 2. Juli 2017

Presse

Die Ohren aufgesperrt!
Siebte Internationale Sommerakademie mit Gespräch zwischen Filmproduzent Jan Harlan und Hinrich Alpers eröffnet

von Barbara Kaiser

Großer Aufwand für das Eröffnungsgespräch der siebten Internationalen Sommerakademie: Das historische Langhaus, das nun für zehn Tage  Hauptkulisse dieses besonderen Meisterkurses sein wird, abgedunkelt, eine Filmleinwand aufgespannt, die zwei plaudernden Flaneure in roten Plüschsesseln und dankenswerterweise mit Mikrofonverstärkung. In Anlehnung an das Paradoxon des Stanley-Kubrick-Film-Titels „Eyes wide shut“, ersann Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter der Sommerakademie, „Ears wide open – Warum Filme Musik brauchen“. Sein Partner war der Filmproduzent Jan Harlan, der mit Kubrick zusammenarbeitete.

Zunächst war unbedingt die Frage zu klären, was ein Filmproduzent eigentlich macht. Durch Harlan wurde anschauliche Antwort: Alles besorgen, was der Filmemacher braucht. Einmal wollte einer unbedingt drei spezielle Panzer. Bei der belgischen Armee wurde Harlan fündig. Obendrein regelte sich der Deal völlig unkompliziert. Einziger Wunsch; „Just bring them back!“ Zurück wollten sie das Kriegsgerät dann aber doch….

Was konnte der Zuhörer erfahren an diesem interessanten Abend? Dass der Film „2001 Odyssee im Weltraum“ (1968) dem Wunsch seiner Macher entsprang zu wissen, wie das Universum aussieht. Zwar behaupteten Alpers und Harlan, keiner hätte die Welt bis dahin von außen gesehen, doch das stimmt ja nicht. Im Jahr 1961 umrundete Jurij Gagarin einmal den blauen Planeten – man hätte ihn fragen können, wäre da nicht der Kalte Krieg gewesen.

So experimentierte Kubrick für seine sphärischen Bilder, die heutzutage jedes bessere Teleskop zu senden in der Lage ist, mit Nagellack in Wasser oder Öl in Wein. Es klingt im Jahr 2016 wahrhaft lächerlich – aber erinnern wir uns: 1968. Computergrafiken – Fehlanzeige! Das Ergebnis bleibt bis in die Gegenwart frappierend eindrucksvoll, wie der Filmausschnitt belegte. Dazu die Musik von Richard Strauss, „Also sprach Zarathustra“ op. 30, zu der die Sonne langsam aufgeht.

„Einen Film zu machen, is a love affair“, ist sich Jan Harlan sicher und erklärte damit, warum in Kubrick-Filmen genau diese Musik und keine andere zu hören ist. Warum aus Aram Chatschatujans Ballett „Gajaneh“ ein Cello-Solo für die Einsamkeit des Raumfahrers passt, und dass der berühmte Filmemacher Walzer liebte. „An der schönen blauen Donau“ als Weltraummusik mit schwebendem Kugelschreiber – das hätte Johann Strauß auch gefallen. (Übrigens funktionieren diese Schreibgeräte im All nicht!) „Es muss diesen Wow-Effekt haben“, sagte Harlan, dann ist es 100-prozentig.

Der Abend brachte auch die erste Begegnung mit György Ligeti, dem das Konzert am Dienstag, 28. Juni 2016, gewidmet sein wird. Der Komponist wurde nach dem Film „2001“ schlagartig berühmt, weil auch seine Musik darin erklang.

Stanley Kubrick trieb seine Schauspieler durch ein „Real“ und „Realistisch“; für seine Filme musste jedoch „interessant“ gespielt werden. Der große Jack Nicholson hatte diese drei Begriffe einmal in einem Interview genannt. Und er bestätigte das „interessant“ natürlich in jedem seiner Streifen, nicht nur, wenn er unter Kubrick spielen durfte.

Ein Film brauche einen tollen Anfang, ein tolles Ende und was Gutes dazwischen, plauderte Jan Harlan aus dem Nähkästchen über Kubricks Ansprüche. Dessen Kollege Fritz Lang hatte als die drei wesentlichen Dinge für einen guten Film noch gesagt: Ein hervorragenden Drehbuch, ein hervorragendes Drehbuch und ein hervorragendes Drehbuch. Das hat natürlich dann auf jeden Fall einen guten Anfang, ein tolles Ende und Gutes dazwischen!

Geredet wurde letztlich an diesem Auftaktabend mehr darüber, dass Filme die richtige Musik brauchen, nicht vordergründig warum. Nicht so sehr, wie sie Handlung zu imaginieren in der Lage ist, Spannung erzeugt oder eine Szene konterkariert, so wie es der Schwenk zu Hitchcocks „Psycho“ zeigte, wo reine Streicher das Grauen illustrieren auf eine unheimliche Art.

Die Ohren auf heißt es ab jetzt wieder bei der Sommerakademie, die am Freitagmorgen nach dem abendlichen Entree offiziell eröffnet wurde. War dem Gespräch die Konserve vorbehalten – bis auf einen winzigen Einschub von Alpers am Flügel – erklingt ab sofort nur noch Livemusik.

24. Juni 2016

Neue und vertraute Gesichter
Siebte Internationale Sommerakademie nun auch offiziell eröffnet

von Barbara Kaiser

„Ich freue mich, Sie alle hier begrüßen zu können und wünsche uns wunderbare zehn Tage mit viel Musik!“ Wie sehr sich Hinrich Alpers freute, sah man ihm an. Neue und vertraute Gesichter machte er aus bei der offiziellen Eröffnung des Meisterkurses, die in Anwesenheit von Uelzens Bürgermeister Jürgen Markwardt und dem Vorsitzenden des Sommerakademie-Vereins, Dr. Theodor Elster, in bewährter Weise über die Bühne des historischen Geländes Oldenstadt ging.

Zeit wurde wahrhaft nicht vergeudet. Schon vor seiner Ansprache, dem Dank an alle ehrenamtlichen Helfer und dem obligatorischen Gruppenfoto unterrichtete der Pianist Hinrich Alpers. Die quasi erste Schülerin des 2016er Jahrgangs war Jennifer Jennifer aus Indonesien, die Bach spielte. „You have to enjoy!“, feuerte sie der Lehrer an. Genießen solle sie das Spiel.

Es wird in den nächsten Tagen zahllose solcher Szenen geben, wenn die Dozenten Alpers, Buntrock (für Bratsche), Goetzke, Groh mit ihren Schülern arbeiten. Dem Publikum bleibt das eigentlich verborgen. Aber dass die 34 Teilnehmer der Sommerakademie, die in diesem Jahr zwischen Taiwan, der Türkei, Großbritannien, Belgien und Deutschland, Japan, China, Polen und Lettland zu Hause sind, „die besten Lehrer, die Sie bekommen können“ haben werden, wie es Bürgermeister Markwardt anmerkte in seinem Grußwort – davon können sich die Zuhörer beim abendlichen Vorspiel und den Abschlusskonzerten überzeugen.

Markwardt nannte es eine Ehre, die Akademieteilnehmer begrüßen zu können und holperte sich liebenswert und liebenswürdig durch sein englisches Statement. In 100 Jahren, wenn keiner mehr von einem Bürgermeister Markwardt spräche, so der Redner, wüsste man noch von der Sommerakademie und dem Pianisten Hinrich Alpers. Möglich ist das alles.

Die Stimmung war also locker beim Entree, bei aller Ernsthaftigkeit, mit der nun gearbeitet werden wird. Ein herzliches Willkommen den jungen Künstlerinnen und Künstlern! Dem heimischen Publikum viele schöne Stunden bei den Konzerten!

24. Juni 2016

 

Früh übt sich!
Sommerakademie-Angebot: Sieben Musikschüler erhielten die Gelegenheit für Unterricht bei Hinrich Alpers

von Barbara Kaiser

„Die Autorität des Lehrers schadet oft denen, die lernen wollen.“ Für den Beweis, dass der Dichter Cicero an dieser Stelle absolut falsch lag, setze man sich als stiller Zuhörer einen Vormittag lang in die Juniorakademie der Internationalen Sommerakademie. Dort nämlich unterrichtet Hinrich Alpers Musikschüler.

Seit dem Jahr 2011 ist das schöne Tradition. Er wolle etwas zurückgeben von dem, was ihm in dieser Stadt, wo er seine ersten musikalischen Schritte tat, Gutes widerfuhr, sagte der Pianist vor vielen Jahren in einem Interview.

Einem beachtenswerten persönlichen Anliegen verdankt die Stadt Uelzen übrigens auch den wunderbaren Steinway-Flügel, den Alpers restaurieren ließ und als Dauerleihgabe ins Schloss Holdenstedt stellte (manchmal ist Erinnerung an derart selbstloses Tun durchaus angebracht), wo er im vergangenen Jahr mit seiner Beethoven-Sonaten-Reihe zu Gast war und im November dieses Jahres und im folgenden Frühjahr Ravel vorstellen wird.

Bei der Juniorakademie 2016 waren Dietrich Schröder und Sophie Ackermann unter den Schülern. Er 13, sie 14 Jahre alt. Dietrich spielte Mozarts Fantasie d-moll KV 385, Sophie legte sich im Max-Reger-Jahr (100. Todestag) dessen Melodie und Scherzino aus „Blätter und Blüten“ aufs Pult.

Unterricht bei Hinrich Alpers ist stets sehr anschaulich. Er redet kein Fachchinesisch, sondern hat immer pragmatische Vergleiche zur Hand. Und er besitzt obendrein die Fähigkeit (natürlich muss er die haben!), dass, wenn er die Mozart-Melodie nachsingt, die immer noch die Leichtigkeit des Komponisten hat, dass sie wie Zephir schwebt und nicht klassisch poltert.

Das ist jedes Mal frappierend, auch wenn man seit vielen Jahren bei der Juniorakademie zuhört.

Natürlich spielt Dietrich Schröder seinen Mozart wuchtig und es fehlt auch noch an der Technik für die Sechzehntelläufe. Das war jetzt sehr unpädagogisch, die Schwächen zuerst zu nennen. Würde Alpers nie tun. Der freut sich zuerst, dass der Junge auswendig spielt und erklärt auch warum: Weil man sich da nicht aufs Notenblatt konzentrieren muss, sondern dem Spiel, der Interpretation, mehr Beachtung schenkt. Den Unterschied zwischen 4/4 und 2/2 – rechnerisch immer 1, musikalische sind Welten dazwischen – kennt der junge Klavierspieler aber. Er begreift überhaupt sehr schnell. Vielleicht, weil ihn die unterschiedliche Akustik, der schönere Klang überzeugen – vor und nach den Vorschlägen, die sein `Lehrer für 30 Minuten` macht. (Alpers würde immer Vorschläge sagen, nie Korrekturen, denn das hieße ja, er sei im Besitz der alleinigen Wahrheit)

Sophie Ackermann gelingt das Fine-Piano von Beginn an.  „Das war ziemlich gut!“, ruft Hinrich Alpers aus und staunt ehrlich. Die Spielerin hat sich mit Dreiviertel- und Sechsachteltakt herausgefordert, was immer auch Versuchung zu Gleichförmigkeit und nicht zum Schweben ist. „Man merkt, dass du vorher bloß in Vierteln gedacht hast“, sagt Alpers. „Es wäre schön, die Takte unterschiedlicher zu gewichten.“ Dafür sind noch Fingersätze zu klären; eins/vier, zwei/fünf. Das klingt ganz einfach, wenn man es aber wochenlang anders gespielt hat, ist da plötzlich eine Hürde. Und zügige Sechsachtel und Crescendo – das ist wirklich schwer.

Hinrich Alpers verlor in drei Stunden Unterricht am Stück nirgendwo die Geduld. Alle seine Schüler erhielten einen individuellen Rat, bekamen die Ohren geöffnet für eine andere Möglichkeit des Spiels. Napoleon nannte die wahren Eroberungen die Siege über die Unwissenheit. Ganz bestimmt gingen die sieben Musikschulschüler mit dem erhebenden Gefühl nach Hause, musikalisch an diesem Vormittag ein Stückchen (Noten)Welt erobert zu haben.

25. Juni 2016

 

Auf musikalischer Entdeckungstour
Internationale Sommerakademie würdigt den ungarischen Komponisten György Ligeti

von Barbara Kaiser

„Sie sind für ein ganz tolles Konzert heute hier“, versicherte Hinrich Alpers in seiner Begrüßung den Gästen in einem voll besetzten Oldenstädter Langhaus. Von wegen: Zeitgenössische Musik findet kein Publikum! Vielleicht aber waren einige nur gekommen, um am Schluss des Abends ihr ausgeliehenes Metronom wieder mitzunehmen? Schließlich sollte eine Sinfonie für einhundert dieser tickenden Taktgeber aufgeführt werden. Deshalb war auch die örtliche Eisenbahngesellschaft gleichen Namens als Schirmherrin mit von der Partie und spendierte fünfzig nagelneue dieser musikalischen Hilfsmittel in den Betriebsfarben schwarzgelb.

Eine „Hommage à Ligeti“ stand auf dem Programm. Des zehnten Todestages des Ungarn war zu gedenken am 11. dieses Monats. Man darf diesen Abend vor allem, auch wenn er lange drei Stunden dauerte, getrost eine Entdeckung nennen, denn erneut traf die Aufforderung dieser Sommerakademie, die Ohren aufzusperren, auf ein interessiertes Publikum.

Nein, es kann hier nicht über Harmonien, musikalische Tändeleien und elegant-beschwingte Noten berichtet werden. Wer auf eine wiedererkennbare Melodie lauerte, war fehl am Platze. Es ging eher um sorgfältig ausgehörte Flächigkeit, Minimalismus und Farbgebung. Auch wenn Hinrich Alpers ein Stück am Flügel intonierte, das eigentlich nur aus zwei Tönen besteht, nie jedoch auf der Stelle tritt! Und er in seiner Interpretation wie überrascht den Tönen nachlauschte, als hörte er sie das erste Mal.

Der Reihe nach: Alpers hatte sich zur Unterstützung Arno Lücker, Moderator, Pianist, Musikvermittler und Komponist, an die Seite geholt. Das Duo warf sich in einer lockeren Konversation die Bälle zu oder setzte sich gemeinsam an den Flügel, immer aber wurde  dabei eine Menge über den Protagonisten des Abends, György Ligeti, 1923 bis 2006, erzählt. Alpers und Lücker bewiesen zwingend, dass dessen Vorbilder (unter anderen) sein großer Landsmann Béla Bartók und Claude Debussy waren; die Klangbeispiele jeweils an der Hand. Besser: In vier Händen.

Eigentlich war dieses Konzert das traditionelle „Konzert der Dozenten“. Dass es in diesem Jahr nicht als stures Nummernprogramm ablief, war zu erwarten, nachdem Alpers schon die  Eröffnung anders gestaltet hatte, einen Kinofilm ins Programm nahm – nie aber den roten Faden sich verlieren ließ.

So passte Professor Bernd Goetzke mit seinen Bartók-Klängen der Nacht (aus: „Im Freien“, 1926) perfekt in den Rahmen. Er schuf mit seinem sehr konzentrierten Spiel Atmosphäre. Bei ihm hörte man das Tropfen, das Huschen, die kleine Melodie – es ist nicht die Nachtigall -, die sich in diese fast unheimliche Situation schleicht und insistiert. Quieken im Diskant – bis alle Töne müde werden… Goetzke, der auch ein hingebungsvoller Melodiker ist, imaginiert hier nur Klänge, das aber auf wundervolle Weise.

Eine Überraschung: Die Sonate für Violoncello solo von Ligeti. Troels Svane war hier der Solist, er ist Kammermusikpartner der diesjährigen Sommerakademie. Die zwei Sätze entstanden auf Wunsch von Solistinnen, die danach wegen vermeintlicher Unspielbarkeit kapitulierten, weil zu schwer. Svane hatte damit keine Probleme. Er stellte den „Dialog“ (Adagio, Rubato, Cantabile) schön differenziert vors Ohr der Zuhörer, witziges Pizzicato, schwermütige Doppelgriffe, einsames Legato und brachte ein den Atem nehmendes Capriccio Presto con slancio – schnell und auch noch mit (italienischem) Schwung! – zu Wege. Sphärisch und polternd gleichermaßen. Man hatte um das Instrument zu fürchten, aber es war zauberhaft!

Für „Etüden“ auf der Orgel rekrutierte Hinrich Alpers den Oldenstädter Organisten Jan Zierenberg, bediente selber die Register und heraus kam in der Kirche nebenan Klangfarbenmusik, mit der es einem wie mit Lakritz geht: Man mag sie oder eben nicht.

Henning Vauth, Korrepetitor der Sommerakademie und zuständig für das Zusammenspiel der Teilnehmer mit dem Orchester, spielte schwermütige Debussy-Noten aus „Préludes Premier Livre“ (Klänge und Düfte erfüllen die Abendluft) und eine Ligeti-Etüde, inspiriert eben davon, die der jedoch „Leere Seiten“ nannte. Der Solist setzt sich nicht unter Druck; er träumte in Verzögerungen und Verzierungen, ließ die Töne blühen, adelte den Vortrag mit Persönlichkeit und Handwerk.

Und dann war da noch die wunderbare Barbara Buntrock mit der Bratsche. Sie spielte aus einer Sonate, die Ligeti in den Jahren 1991/94 komponierte, „Hora lunga“, ein „langsames Lied“, das die tiefsten und höchsten Töne des Instruments integriert und mit dem die Solistin ihr großes Können unter Beweis stellte. Denn die Ankündigung der beiden Moderatoren, man müsse sich an diesem Abend von der Tonalität grundsätzlich lösen in seinen Erwartungen und Barbara Buntrock spiele auf jeden Fall die „richtigen falschen Töne“, erwies sich fast als fehl am Platze. Buntrock spielte so, dass es verzaubernde Harmonie war, spannend – zwischen Aufladung und Askese.

Danach: „Poème Symphonique“ für 100 Metronome. Was für ein Tick-Tack und Ticke-Tack! Faszinierend, wie sich aus dem bloßen Summgeräusch der hundert Taktgeber im Verlauf der Aufführung, als die ersten ausstiegen, weil natürlich unterschiedlich aufgezogen und präpariert, einzelne im Raum lokalisieren ließen. Das letzte „Tack“, das lange ein Moderato angezeigt hatte, machte fast traurig, erlöste aber auch. Das Publikum jubelte!

György Ligeti – was für eine Entdeckung! Es war ein Abend voller Spannung und Konzentration, obwohl mit wenig Klangfülle. Deshalb war der eine oder andere vielleicht erleichtert, als am Schluss Barbara Buntrock und Hinrich Alpers Franz Liszts „Romance oubliée“ (Vergessene Romanze) darboten. Ja, man hatte sich in drei Stunden bestechen lassen durch die Wirkung der Töne meist jenseits der Tonalität, die manchmal nur unter der Bezeichnung Geräusche durchgehen konnten – der Liszt verbreitete wieder den alten musikalischen Zauber, den doch keiner missen möchte. Oder?

29. Juni 2016

 

Quadriga mit Flügel(n)
Triumphaler Kammermusikabend bei der Internationalen Sommerakademie

von Barbara Kaiser

Zuerst sei hier über das Ende des Konzertes  geredet, wenngleich ohne Hoffnung, man könne mit Worten beschreiben, was losbrach. Jubelnder Applaus für Barbara Buntrock (Bratsche), Sergej Bielow (Geige), Hinrich Alpers (Klavier) und Troels Svane (Cello). Triumphaler Abschluss: Die letzten drei Sätze des Brahms-Klavierquartetts blieben den Dozenten vorbehalten, was immer dann passiert, wenn sich kein Schüler findet, weil sich eventuell niemand die Partituren zutraut. So gesehen – eine Fortsetzung des Dozentenkonzerts des Vorabends.

Es war Kammermusikzeit in der Sommerakademie; und der Zuhörer merkte wie so häufig auf, obwohl der doch lange zu wissen glaubte. Was an Frische, Elastizität und Überwältigung durch das Langhaus wogte, muss wiederholt Ereignis genannt werden. Hier leuchtete der Charme aus der Musik wie funkelnde Augen. Die jungen Interpreten und ihre Dozenten boten eine leichtfüßige Spielweise, gaben sich liebenswert bescheiden, immer demütig gegenüber den Noten, ohne Allüren.

Auf dem Programmzettel standen insgesamt drei Klavierquartette. Das von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) in g-moll KV 478, von Robert Schumann (1810 bis 1856) in Es-Dur op. 47 und von Johannes Brahms (1833 bis 1897) wieder g-moll op. 25. In den einzelnen Sätzen wechselten die Meisterkursschüler jeweils am Flügel und mit der Bratsche.

Natürlich geht hier zunächst kein Weg vorbei an Goethes Anmerkung zum Quartett. Obwohl der Geheime Rat kein Instrument spielte und nicht so bewandert auf diesem Gebiet war, eher für die schöne Pianistin schwärmte. Denn er schrieb über die Begegnung mit Maria Szymanowska in Marienbad: „Ihre Bekanntschaft und ihr wundervolles Talent haben mich zuerst mir selbst wiedergegeben.“ Später wird die polnische Künstlerin in Weimar nur für den Dichter spielen.

Goethe jedenfalls war der Meinung, dass in einem musikalischen Quartett sich „vier vernünftige Leute miteinander unterhalten.“ Dagegen setzen kann man die Ansicht der Konzertagentin Sonia Simmenauer, die in einem Buch über Quartette schrieb, die vier Musiker seien „vier Extremisten am Rande eines Nervenzusammenbruchs, die sich gerade noch einig werden.“ Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Die vernünftige Unterhaltung ist dem Auftritt vorbehalten – hinter den Kulissen, bei Proben, mag es anders zugehen. Wobei ein Musiker immer ein bisschen Extremist sein darf!

Es wäre jetzt unfair, von den zehn Schülerinnen der Akademie, die an diesem Abend am Flügel und als Bratschistinnen (es war kein Mann dabei!) ihren Auftritt hatten, einzelne hervorzuheben. Sie alle waren eingerahmt von dem Geiger Andrej Bielow und dem Mann am Violoncello, Troels Svane. Sie waren damit verlässlich aufgehoben zwischen russischer Gemütlichkeit und Freundlichkeit und skandinavischer Gelassenheit, die sich angenehmer Distanz anverwandte. Nie überhitzte das Spiel, auch nicht das verführerischste Rondo.

Es war ein wunderbares Miteinander, in dem nur hin und wieder Bielow seine führende Rolle und Verantwortung für das Ganze für (zu) prominente Lautstärke nutzte. Svane blieb die Ruhe selbst. Vertrauensvolle Blicke gingen zwischen den einzelnen Musikern hin und her, sie gewährleisteten ein Zusammenspiel, bei dem auch der letzte Piano-Ton synchron stimmte.

Die Emotionalität des Spiels entwickelte einen Sog, der die Spannung und Aufmerksamkeit bei den Zuhörern hielt, der in Bann schlug. Ohne aufgeblähtes Pathos: Mozarts persönlichste Tonart, seine wohl energischsten und trotzigsten Sätze, ohne jegliche Resignation. Atmosphärisch und präzise in einer imponierenden und geradezu organischen Einheit: Schumanns Es-Dur mit hochromantischer, sinfonischer Anmutung, die nie besinnungslos daher kam, auch wenn es laut und fröhlich wurde. Mit Verführungspotenzial dann der Brahms: Mit seinen auf die Spitze getriebenen Motivvariationen und einer extremen Energie in der Detailarbeit. Mit einem schlichten Andante vor dem großen Ausbruch des „Rondo alla Zingarese“. Einem Csárdás, bei dem dann (siehe oben) die Profis von der Leine waren.

Solch Musik besitzt natürlich eine Publikumswirksamkeit par excellence! Dennoch muss man bedenken, dass Buntrock, Bielow, Alpers und Svane keine feste Formation sind, sich nur für diese Sommerakademie fanden, obwohl sie früher schon einzeln miteinander muszierten. Man darf es Zuhörerglück nennen, was diese Instrumentalisten zu bieten in der Lage sind, wie ihnen ihre makellose technische Perfektion die überragende Ausdrucksintensität ermöglicht, mit der sie, selber hingebungsvoll, staunen machen. Und dass sie viel ihrer Erfahrungen und ihres Könnens an die 34 Sommerakademie-Teilnehmer weitergeben, davon wird man sich an den noch folgenden zwei Abschlusskonzerten weiter überzeugen können.

30. Juni 2016

 

Auf der Zielgeraden
Erstes Abschlusskonzert der Internationalen Sommerakademie in Medingen

von Barbara Kaiser

Es gibt jenseits der Eventkultur einen Spielraum für das Besondere. Die Internationale Sommerakademie der Lüneburger Heide füllt den aus. Mit einem schönen Ertrag und zum Nutzen für alle, die offen sind für frische junge Interpretationen und neue Hörerfahrungen.

Die siebte Ausgabe der Instrumental-Meisterklasse ist auf die Zielgerade eingebogen mit dem ersten Abschlusskonzert in der Klosterkirche zu Medingen. Von den 35 Teilnehmer stellten sich 15 (davon zwei Bratschistinnen) dem interessierten Publikum, auf dem Programm Noten von Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach, Olivier Messiaen (1908 bis 1992), Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Claude Debussy.

Die 120 Konzertminuten waren ein Tribut an den Emotionshaushalt, besaßen jedoch ohne Zweifel Stärken und Schwächen. Mit unverbrauchter Vitalität spielte zum Beispiel Clara Davodau das Andante und Presto des Violakonzerts G-Dur von Telemann. Die 19-jährige Französin bot den langsamen Satz mit prägnanter Spannung und ließ sich vom Orchester behüten, als ihr Presto davonlaufen wollte.

In bewährter Weise musizierten übrigens erneut die Streicher des Kammerorchesters „Wratislavia“ unter der Leitung von Konzertmeister Jan Stanienda aus Wrocław.

Ganz bezaubernd die 17-jährige Pianistin Ana Mazaeva mit der Toccata aus Bachs Partita Nr. 6 e-moll. Die junge Frau aus Georgien war zu atemleichter Zartheit ebenso fähig, wie sie die kostbare Fragilität der Partitur zu transportieren wusste.

Kontrapunkt dazu „Regard de l`etoile“ (Blick des Sterns) aus Olivier  Messiaens „Vingt Regards…“ (20 Blicke auf das Jesu-Kind). Bedachte man, dass der Interpret Jan-Aurel Dawidiuk aus Hannover erst 15 Jahre alt ist, konnte man staunen: Alles aus einem Guss, einem Strom. Perlende, schöne Chromatik. Sein vital charaktervoller Stil war in expressive Klangrede und dramatische Geste gefasst.

Auch in diesem Jahr machten die Instrumentalsolisten klar: In der Sommerakademie werden die Noten voller angespannter Energie und freudiger Zuversicht umgesetzt und zu Gehör gebracht. Hier wird nichts zelebriert, sondern mit überzeugender Hingabe musiziert.

Zum Beispiel Minha Marie Yeo, die aus Münster kommt: Sie ist auch erst 15 Jahre alt und eine kleine zierliche Person, nahm sich aber den ersten Satz der Sonate c-moll op. 13 von Ludwig van Beethoven vor. Die „Pathetique“ – in Dichte und Ausstrahlung, nur manchmal im Diskant ein wenig schrill. Man fragt sich, wie die anatonisch noch kleinen Hände so ungeheuer kraftvoll die Akkorde schaffen.

Es wurde insgesamt mit betörender atmosphärischer Farbigkeit agiert. Keine pedantische Enge, sondern pulsierendes Musikantentum. Immer mit Präsenz, voller melodischer Zartheit, mit einer aufs Wesentliche drängenden Diktion. Orchester und Solisten vereinigten sich im beschwingten Concertare, in dem sich der eine dem anderen kooperierend beiordnete.

Seinen Höhepunkt fand der Abend im Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 19 von Beethoven. Nun kann man mit diesen Noten nichts falsch machen, auch wenn es die Nr. 2 ist und  nicht vielleicht die Nr. 3 oder 5!

Giullo Cilona (20), Xiyu Deng (23) und Ron Maxim Huang (15) teilten sich die Sätze. Der Belgier Cilona besitzt einen wunderbaren Anschlag, bei dem sich auch das Orchester zur Zartheit animieren ließ; vielleicht war seine Kadenz ein wenig Selbstdarstellung, aber alles blieb kunstvoll ausformuliert. Der Chinesin Deng kam die Liebeserklärung, das elfenzarte Adagio, des zweiten Satzes zu. Sie bürstete es manchmal gegen den Strich alter Hörgewohnheiten und ließ es interessant bleiben. Der ebenfalls erst 15-Jährige Huang aus Berlin spielte das fröhlich-feurige Rondo, das Kammerorchester begleitete im Tutti straff.

Es gab langen Beifall und zufriedene Gesichter am Ende und die obligatorische Rose für alle. Nur die Mauersegler vor der Tür bewiesen wenig Musikverstand – sie kreischten sich mit Sturzflügen ihre Meute zusammen für den Abflug in vier Wochen. Für die leisen Passagen in der Kirche erforderte das durchaus noch ein Quäntchen mehr an Konzentration.

2 Juli 2016

 

Erfolg Nr. 7
Internationale Sommerakademie mit Konzert und Preisübergabe beendet

von Barbara Kaiser

Das Betriebsgeheimnis aller Kunst besteht wohl darin zu verbergen, wie viel Arbeit in ihr steckt. Wenn Mühsal durchschimmert, ist alles vergeblich gewesen. Sieht man es so, passierte an diesem letzten Konzertabend große Kunst. Keine Spur von Lampenfieber. Ein Musizieren, leichtfüßig und unterhaltsam, beweglich und sehr ausdrucksstark.

Die siebte Ausgabe der Internationalen Sommerakademie der Lüneburger Heide ist Geschichte. Der letzte Ton wurde gespielt, die Preise für  Solokonzerte vergeben, allen Helfern und Sponsoren ausgiebig Dank gesagt und der Termin für das Jahr 2017 verkündet.

35 junge Musikerinnen und Musiker werden wieder nach Hause, das geografisch über die halbe Welt verteilt liegt, reisen und vielleicht verkünden, dass es ihnen in dieser Stadt, die für ausländische Zungen so schwer auszusprechen ist, gefallen hat. Dass es in dieser Meisterklassen-Sommerakademie mehr Miteinander als Konkurrenz gab und das Publikum kundig und sehr freundlich war.

Vor dieser Abreise durften 13 von ihnen zum Abschlusskonzert spielen. Und wenn Kurt Tucholsky der Meinung war, dass Gänsehaut das einzige Kriterium in der Kunst sei – dann wird an dieser Stelle wiederholt, wie künstlerisch gehaltvoll der musikalische Abschied sich gestaltete.

Übrigens schloss sich an diesem Abend auch ein Kreis: Mengling Chen (23) aus China spielte Noten von György Ligeti: Die Etüde Nr. 13 „L´ Escalier du diables“ – des Teufels Treppe.

Wenn mir einer gesagt hätte, als sich Hinrich Alpers am ersten Abend der Akademie mit Jan Harlan über Filmmusik und die Noten Ligetis unterhielt, dass ich einmal atemlos sitzen würde vor diesen Kompositionen, meine Antwort wäre schroff verneinend ausgefallen.

Aber jetzt musizierte Chen mit konzentrierter Energie und Feinnervigkeit dieses atonale Feuerwerk, und wahrscheinlich saß nicht nur ich staunend. Himmlisch gut, teuflisch inspiriert!

Auch Joanna Kacperek, die 22-jährige Polin, spielte Ligeti – Etüde Nr. 4 „Fanfares“ – mit sichtbarem Vergnügen. Ein Wahnsinnsstück, bei dem die eine Hand wuchtige Akkorde zu schlagen hat, während die andere wie ein Perpetuum Mobile wieselt. Sehr beeindruckend. Da waren keine Rezeptionshürden mehr vorhanden, die moderne Musik sonst hat, weil sie nicht durch eingängige Melodik ausgewiesen ist!

Natürlich gab es auch Mozart und Beethoven! Genauso jedoch Toru Takemitsu (1930 bis 1996), den Japaner, der sich durch die Wiener Schule (Schönberg) und die französischen Tonsetzer (Debussy) inspirieren ließ. Karim Said interpretierte dessen „Rain Tree Sketch II“ von 1992 in spannendem, zwingendem, dichtem Spiel.

Aufhorchen machte auch Yung Hoon Chun mit Franz Liszts „La Campanella“ – das Glöckchen -, berüchtigt durch die riesigen Staccato-Sprünge und Triller, also eher eine handfeste Glocke. Der 23-jährige Koreaner machte es nicht ausschließlich zum Renommierstück, wofür der Komponist sich ja bevorzugt eignet, er lotete präzise, sinnlich und sinnend, die Noten aus.

Die Jüngste des Abends war Chiara Martina Rubino. Die heute 14-Jährige aus Lübeck kennen Akademiegäste bereits aus dem Vorjahr. Im Konzert spielte sie aus der Mozart-Sonate C-Dur, KV 330, den 3. Satz. Präzise und einfach schön.

Manchmal wurden die Komponisten auch sehr eigenwillig herausgefordert: So bot Yuka Morishige den zweiten Satz, das Adagio des Klavierkonzerts Nr. 3 c-moll von Ludwig van Beethoven, sehr, sehr langsam, so  dass der Faden verloren zu gehen drohte. Yifan Hu rettete den dritten Satz, das Allegro, fantasievoll, farbenreich und stimmungsstark.

Das Kammerorchester „Wratislavia“ aus Wrocław begleitete erneut verlässlich, auch wenn es zu diesem Abschlusskonzert manchmal sehr robust unterwegs war. Meist jedoch verbanden sich in flexibler Begleitfunktion  Solist und Streicher zu Solidität und konzertanter Schönheit.

Ehe an diesem Abend zum Büfett gebeten wurde, vergingen fast drei Konzertstunden mit blutvoll wie technisch präzise dargebotener Musik. Die jungen Solisten nahmen die Partituren heiter und souverän, herzzerreißend wohltönend (Violakonzert D-Dur von Franz Anton Hoffmeister) und nach Tiefe tastend (Sonate A-Dur op. 101/3 von Ludwig van Beethoven), kraftvoll aufblühend (Chasse-neige von Franz Liszt) oder mit einem Quäntchen suggestiver Verführung (Klavierkonzert A-Dur KV 488).

Am Ende gab es langen Beifall für alle. Und vielleicht Vorfreude auf 2017; weil: Nach der Sommerakademie ist vor der Sommerakademie.

4. Juli 2016